Redebeitrag von Yoko Kawasaki in Trier am 12.3.2018

By | 12/03/2018

Zuerst bedanke ich mich recht herzlich bei Herrn Richard Pestemer für die Einladung zu dieser Kundgebung und bei Herrn Markus Pflüger von Anti Atom Netz Trier für seine freundliche Unterstützung bei der Vorbereitung des Flyers.

Mein Name ist Yoko Kawasaki. Ich bin japanische Umweltjournalistin.
Heute möchte ich unseren eingetragenen Verein „Atomkraftfreie Welt – Sayonara Genpatsu Düsseldorf“ vorstellen, dann über die Lage der Atomkatastrophe in Fukushima nach 7 Jahren informieren, weil ich selbst 3 mal dort war.

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Unsere Gruppe, „Atomkraftfreie Welt – SAYONARA Genpatsu Düsseldorf e.V.“, wurde im Juli 2012 nach der großen Katastrophe von Fukushima gegründet.
Im August 2012 haben wir unsere erste Demonstration und Kundgebung mit einer Sonnenblumen-Performance veranstaltet. Sonnenblumen schmückten alle Pfosten der Oberkasseler Rheinbrücke.
Abschließend trieben die Sonnenblumen rheinabwärts, symbolisch für unsere Forderung nach einem Ausstieg aus der Atomenergie in Japan und weltweit.
Es war überhaupt eine Sensation, dass „Brave Japaner“ eine Demo wagten, und dass das WDR-Fernsehen in der Lokalzeit Düsseldorf über uns eine Reportage brachte.

Unser Ziel ist, auf die Gefahr jedes AKW’s weltweit aufmerksam zu machen, besonders wirken wir von hier aus nach Japan.
Seit der Gründung veranstalten wir Versammlungen, Fotoausstellungen, Filmabende und Vorträge, mit anderen deutschen Vereinen zusammen, wie „ausgestrahlt“. BUND, IPPNW oder auch alleine.
Wir sind ein sehr kleiner Verein mit knapp 30 Mitgliedern, vorwiegend JapanerInnen.
Trotzdem arbeiten wir unermüdlich und unbeugsam weiter. Wollen Sie nicht auch bei uns mitmachen oder uns unterstützen?

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7 Jahre nach dem verheerenden Atomunfall von Fukushima bleibt nach wie vor die “ Nukleare Notfallerklärung“ herausgegeben.

Während der „Nuklearen Notfallerklärung“, was ist überhaupt wichtig für die japanische Regierung?
AKW-Export!
Premierminister Abe als Hauptverkäufer hat den Atomkraftwerksbau von Sinop in der Türkei selbst initiiert.
In der Türkei hat die Regierung die Gegner des Atomkraftwerksbaus verfolgt.

Während der „Nuklearen Notfallerklärung“, was ist überhaupt wichtig für die japanische Regierung?
Wiederaufbau!
Im Hinblick auf die Olympiade 2020 wird ein gigantisches Wiederaufbaubudget aufgelegt.
Im immer noch durch Radioaktivität stark kontaminierten Gebiet, das am stärksten radioaktiv belastet ist, weil dort das Kraftwerk Fukushima Dai-ichi liegt, sind Archivgebäude und eine Gewerbehalle in Planung als Reiseziel für Klassenfahrten der Oberstufe und für Studienreisen werden.

In einer ehemaligen zwangsevakuierten Gemeinde wurde ein neues Schulgebäude mit einem automatisch zu schließenden Hallenbad gebaut.
Ab April werden 5 Grundschüler und 10 Mittelschüler in dieser neuen Schule lernen.

Bis zum Beginn der Olympiade will die Präfektur Fukushima sämtliche Evakuierten in ihre Heimatorte zurückgeführt und die Bahnstrecke entlang der Küste wieder vollständig für den Verkehr geöffnet haben.

Gerade deshalb kommt es zu schweren Menschenrechtsverletzungen!

Die gegenwärtig verfolgte Rückkehrpolitik bedeutet, dass man gezwungen wird, in einem mit einer Jahresdosis von bis zu 20 MilliSievert belasteten Gebiet zu leben, und so das Zwanzigfache der vor dem Unfall zulässigen Jahresdosis einfach hinzunehmen.

Selbst im Kontrollbereich der AKW-Gebäude, wo komplette Schützausrüstung vorgeschrieben ist und Trinken und Essen verboten sind, wird die Jahresdosis normalerweise nicht so hoch sein.
Könnten Sie sich vorstellen, dass zahlreiche Kinder und schwangere Frauen im Kontrollbereich des AKW leben?
Die Schilddrüsenreihenuntersuchungen wurden nur im Rahmen der Gesundheitsstudie der Präfektur Fukushima durchgeführt.

Obwohl inzwischen 193 Kinder und Jugendliche allein in Fukushima mit Schilddrüsenkrebs oder –krebsverdacht ermittelt wurden, wird immer weiter versucht, dieses Ergebnis zu verharmlosen.
Es gibt sogar mehrere operierte Patienten auch in anderen Präfekturen.
Über die Zunahme sonstiger bedenklicher Erkrankungen kann man nur gerüchteweise erfahren; aber dies sind keineswegs wenige.

Was für Menschenrechtsverletzungen gibt es noch?
Nach Aufhebung der Evakuierungsanordnungen werden Entschädigungszahlungen für seelische Schäden oder die Wohnungsbeihilfe am Evakuierungsort schlicht eingestellt, auch wenn man nicht zurückkehrt.
So geraten manche schlagartig in Not und Bedrängnis und kehren mit großer Angst vor Gesundheitsschäden infolge radioaktiver Strahlung zurück, weshalb sie das eigentlich nicht tun wollen; andere werden obdachlos oder nehmen sich sogar das Leben.
Kurz nach der Katastrophe hat sich einer 102-Jähriger das Leben genommen, weil er nicht der Evakuierungsanordnung folgen wollte – er wollte einfach nicht sein Haus, seine Heimat verlassen.

Ein 14-jähriges Mädchen wollte nicht mehr leben, weil sie aufgrund ihrer Herkunft aus Fukushima gemobbt wurde.

Es gibt unsichtbare Tragödien, worüber bisher weder berichtet wurde und in Zukunft berichtet wird, was aber bereits einen Keil in die japanische Bevölkerung getrieben hat.

Die Unsicherheit über die unsichtbare Gefahr hat zum Verlust von Freundschaften und Beziehungen geführt und spaltet frühere Dorfgemeinschaften, Familien und Eheleute.
Nach intensiven Dekontaminierungsarbeiten werden die Evakuierungszonen schrittweise aufgehoben, doch bisher sind nur wenige Atomflüchtlinge zurückgekehrt.
Mehrere zehntausende Menschen leben nach wie vor in Baracken.

Wir haben dennoch Hoffnung.
Viele Prozesse in Japan laufen um Entschädigungen, die Korrektur von Verwaltungsentscheidungen, um die strafrechtliche Verantwortung.

Ein Zivilgericht hat in einem Urteil anerkannt, dass die Betreiberfirma Tepco und die japanische Regierung Tsunami-Schutzmaßnahmen unterlassen haben; in diesem Jahr sind noch weitere Urteile zu erwarten.

In einer Untersuchung des UN-Menschenrechtsrates haben vier Mitgliedsländer die japanische Regierung offiziell ermahnt, die Menschenrechtssituation der durch den Atomunfall Geschädigten zu verbessern.
Unter diesen vier Mitgliedsländern sind Österreich, Mexiko, Portugal und Deutschland! Super!!!

Lassen Sie uns weiter miteinander kooperieren, um eine atomkraftfreie Welt zu realisieren?

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!