Interview mit Markus Pflüger vom Anti-Atom-Netz Trier

Von | 26.08.2025

Es gilt deutlich zu machen, warum ein Weiterbetrieb von Cattenom zu gefährlich und letztendlich inakzeptabel ist.“

Atomkraftgegner appellieren an die Nachbarstaaten des Atomkraftwerks Cattenom, sich gegen die aktuell geplante Laufzeitverlängerung zu enga­gie­ren. Ein mögliches Mittel ist die grenzüberschreitende Umwelt­ver­träg­lichkeits­prüfung. Wir befragen dazu Markus Pflüger vom Anti-Atom-Netz Trier.

Wie läuft das mit so Prüfungen eines Atomkraftwerks denn ab?

Zuerst wurde die AKW-Baureihe geprüft, dabei wurden viele Mängel festgestellt. Trotzdem gab es dieses Jahr 2025 für diesen Reaktortyp grünes Licht. Bei dieser sogenannten generischen Prüfung, also der Baureihentyp aus der auch die Reaktoren von Cattenom sind, wurden trotzdem massive, fundierte Zweifel an der Sicherheit dieser Baureihe belegt. Die französische Atomauf­sichts­behörde (ASNR) stellte fest, dass es keinen Schutz vor Flugzeugabstürzen gibt, dafür aber Materialermüdung und Spannungsrisse.

Verrückterweise sollen die sicherheitsrelevanten Nachrüstungen erst bis zu sechs Jahre nach der Wieder­inbetriebnahme erfolgen. Ich versteh’s nicht. Stellen Sie sich vor, eine Auto hat keine funktionierenden Bremsen und der TÜV sagt, ach, reparier’ das mal die nächsten Jahre, aber jetzt fahr erst mal weiter. Cattenom weiterzubetreiben ist aus meiner Sicht grob fahrlässig.

Die nächste Prüfung – nach meinem Stand im Jahre 2027 – ist dann eine standort-spezifische Prüfung für Block 1 des AKW Cattenom. Denn dieser 1. Block hat dann seine 4. „10-Jahresrevision‘“. Die anderen drei Blöcke von Cattenom kommen danach, also 2028 – 2031, wenn sie jeweils ihre 40 Jahre voll haben. Cattenom soll also länger laufen als die ursprünglich angedachten 40 Jahre. Zuständig für diese Prüfung ist wahrscheinlich die Präfektur, auf deren Gebiet das AKW sich befindet.

Ich war am 7. Juli 2025 bei der Kreisausschuss-Sitzung in Trier. Da informierte ein Mitarbeiter des Umwelt­ministeriums RLP, dass Frankreich bei der deutsch-französischen Kommission signalisiert habe, dass ein grenzüberschreitendes Beteiligungsverfahren vorgesehen ist. Das hatten wir so erhofft und erwartet. Und es entspricht ja auch internationalem Recht, dass bei Vorhaben, die grenzüberschreitende Umweltauswirkungen haben können, die betroffenen (Nachbar-)Staaten beteiligt werden – auch eine allgemeine Öffentlichkeits­beteiligung ist dabei möglich.

Und die Anrainerländer haben schon kundgetan, dass sie eine grenzüber­schreitende Beteiligung an dem Verfahren der Laufzeitverlängerung für die Blöcke des Atomkraftwerk Cattenom im Rahmen der öffentlichen Anhörung (Enquête Publique) anstreben.

Und genau diese Beteiligung gilt es jetzt vorzubereiten. Da sind die Regierungen des Saarlandes, von Rheinland-Pfalz und von Luxemburg gefordert, sich Expertise einzuholen, um dann möglichst gemeinsam deutlich zu machen, warum ein Weiterbetrieb von Cattenom zu gefährlich und letztendlich inakzeptabel ist.

Von einer UVP erhoffe ich mir ansonsten, dass die von zu vielen verdrängte Gefahr des AKW Cattenom wieder stärker ins Bewusstsein rückt, dass also Bevölkerung und Politik auf allen Ebenen versuchen, dieser Hochrisikotechnologie nicht nur in Deutschland ein Ende zu bereiten.“

Was kann man sich von so einer Umweltverträglichkeitsprüfung erhoffen?

Ich denke es sollte alles versucht werden, um eine Stilllegung Cattenoms zu erreichen. Das mag schwierig erscheinen, aber es ist einen Versuch wert, denn es gab wesentliche Änderungen der Rahmenbedingungen. Die würden mit einer Umweltverträglichkeitsprüfung endlich auf den Tisch kommen. Konkret drei Punkte:

  1. Das Uran, aus dem der Brennstoff für die AKW geliefert wird, stammt aus weit entfernten Ländern mit menschenrechtlich fragwürdigen Zuständen beim Uranabbau. Zum größten Teil auch in Kooperation mit Putins russischer Atomfirma Rosatom, die doch eigentlich sanktioniert werden müsste. Generell hinterlässt der Uranabbau verseuchte Gebiete und kranke Menschen, vor allem innerhalb der indigenen Bevölkerung. Und was viele übersehen: Uran ist endlich, wie alle fossilen Brennstoffe.
  2. Atomkraftwerke sind Klimawandel-anfällig, sie werden immer unzuverlässiger und störfallanfälliger und entnehmen eh schon zu warmen Flüssen wie der Mosel massenhaft Wasser zur Kühlung – jährlich rund 890 Millionen Kubikmeter. In Hitzesommern werden sogar zusätzlich Warmwassereinleitungen erlaubt. Die Folge: eine thermische Überhitzung der Kühlflüsse und eine weitere Verschärfung der ökologischen Probleme und letztendlich Not-Abschaltungen aufgrund der Kühlungsdefizite.
  3. Atomkraftwerke sind potentielle Kriegsziele – siehe Ukraine. So kann gezielt ein atomarer Unfall, der eh täglich passieren kann, bewusst erzeugt werden. Da Cattenom nicht gegen Flugzeugabstürze gewappnet ist, ist das jetzt schon eine reale Gefahr.

Von einer UVP erhoffe ich mir ansonsten, dass die von zu vielen verdrängte Gefahr des AKW Cattenom wieder stärker ins Bewusstsein rückt, dass also Bevölkerung und Politik auf allen Ebenen versuchen, dieser Hochrisikotechnologie nicht nur in Deutschland ein Ende zu bereiten.

Doch die französische Regierung wird sich wahrscheinlich nicht gerne reinreden lassen?

Ja, es ist sicher noch ein dickes Brett zu bohren, bis Frankreich endlich umdenkt. Dabei sind die Möglichkeiten für erneuerbare Energien dort enorm gut. Die unflexible Atomkraft dagegen ist durch den Klimawandel immer unsicherer. Das sollten wir auf allen Ebenen immer wieder betonen, am besten auch, indem gemeinsame Wind- oder Solar-Projekte angestoßen werden.

Was hinzukommt: Da sowohl der französische Staat, wie auch sein Atomkonzern EDF, hoch verschuldet sind, könnte das mit Aufklärungsarbeit sowie Druck auch aus der Bevölkerung vielleicht schneller gehen, als das viele aktuell noch glauben.

Ansonsten ist es doch vollkommen normal in einem demokratischen Europa, dass Anrainer wie das Saarland, Rheinland-Pfalz und Luxemburg sich wegen Sicherheitsbedenken melden. Die ganze Region, nicht nur die Bevölkerung in Frankreich, wäre ja bei einem größeren atomaren Unfall betroffen. Aufgrund der vorherrschenden Windrichtung würden das Saarland, Luxemburg und die Region Trier sogar am stärksten verstrahlt. Hinzu kommt, dass die mit radioaktiven Einleitungen und Abwärme belastete Mosel nach Deutschland fließt.

…unsere gewählten Vertreter *innen müssen sich einmischen. Das entspricht den Wahlversprechen und der Pflicht zum Bevölkerungsschutz, besonders wenn atomare Katastrophen jeden Tag wahrscheinlicher werden.“

So ist es doch nur logisch, dass es grenzüberschreitenden Umweltverträglichkeitsprüfungen gibt, und dass sich unsere gewählten Vertreter *innen einmischen – einmischen müssen. Das entspricht zum Teil den Wahlversprechen und ist auf alle Fälle im Sinne der Pflicht zum Bevölkerungsschutz. Besonders, wenn atomare Katastrophen, wie bei den alten Pannenmeilern von Cattenom, jeden Tag wahrscheinlicher werden.

Was ist Ihnen noch wichtig zusagen?

Die Argumente der Betreiber für einen Weiterbetrieb von Cattenom sind widerlegt. Die Versorgungssicherheit ist laut der offiziellen, von den Regierungen von Luxemburg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland beauftragten Studie Consentec von 2021 auch ohne Cattenom gesichert. Die Finanzlage des Betreibers EDF ist desaströs, und die Anlage ist wehrlos gegen die neuen Bedrohungen durch Klimawandel und gezielte Angriffe. Es gilt also, dass sich jetzt alle auf allen Ebenen aktiv gegen den Weiterbetrieb Cattenoms engagieren.


Weitere Informationen unter: www.antiatomnetz-trier.de

Eine Veröffentlichung des Interviews kann nach vorheriger Absprache erfolgen:
kontakt@antiatomnetz-trier.de

EXTRA: Argumente gegen Cattenom

  1. Die ohnehin hohe Störanfälligkeit der Reaktoren steigt mit zunehmendem Alter. Die dafür oft notwendigen An- und Abschaltungen belasten das System zusätzlich.
  2. Die Betreiberin Electricité de France (EDF) beabsichtigt, die als notwendig identifizierten „Verbes­ser­ungen“ erst im Zuge des Weiterbetriebs umzusetzen. Dies wird derzeit so bereits bei der 900 MW Baureihe von Reaktoren praktiziert.
  3. Die EDF ist hochverschuldet und daher komplett verstaatlicht. Der französische Staat ist insgesamt stärker verschuldet, als jährlich im Brutto-Inlands-Produkt in Frankreich erwirtschaftet wird (mehr als 110 % des BIP). Es ist zu befürchten, dass aus Geldnot beziehungsweise Zahlungsunfähigkeit an der Sicherheit gespart wird.
  4. Die unkalkulierbaren Auswirkungen des Klimawandels werden nicht ausreichend berücksichtigt. Dazu gehören häufiger auftretende Hitzeperioden mit Wassermangel, aber auch Überschwemmungskatastrophen und Stromausfälle.
  5. Hinzu kommen die Gefahren von Flugzeugabstürzen, gegen die die Reaktorhülle nicht ausreichend gewappnet ist, sowie Risiken durch kriegerische Handlungen, die gezielt gegen Atomanlagen erfolgen können, wie der Ukrainekrieg zeigt.
  6. Die Im- und Exportbilanz von Strom zeigt, dass die Region Cattenom nicht benötigt, um seine Versorgungssicherheit zu gewährleisten. In der Studie: „Auswirkungen einer Abschaltung des Kernkraftwerks Cattenom auf die Versorgungs-sicherheit in der Region“ von Consentec im Auftrag der Regierungen von Luxemburg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland (April 2021) wird festgestellt, dass „Versorgungssicherheitsbelange einer Stilllegung des Kernkraftwerks Cattenom nicht im Wege stehen, da geeignete Abhilfemaßnahmen technisch bekannt sind und in vergleichsweise kurzer Zeit verfügbar gemacht werden können.“ (PDF-Download: https://gouvernement.lu/dam-assets/documents/actualites/2021/04-avril/23-stopp-akw-cattenom/20210415-Consentec-Auswirkungen-AbschaltungCattenom-Bericht.pdf)
  7. Atomkraft ist eine Hochrisikotechnologie mit immensen Problemen, Folge­schäden und Kosten. Sie behindert die dezentrale Energiewende in Bürgerhand.