Leserbrief: Ein gefährliches Experiment auf unsere Kosten

Zum Artikel „Cattenom bleibt am Netz – und das noch jahrzehntelang“ im Trierischen Volksfreund:

Ein gefährliches Experiment auf unsere Kosten

Die Nachricht aus Paris, dass das Atomkraftwerk Cattenom nicht nur am Netz bleibt, sondern womöglich bis 2047 oder länger laufen soll, zeugt von einer erschreckenden Ignoranz gegenüber den Realitäten in der Großregion. Wir reden hier nicht von einer abstrakten Energiefrage, sondern von einer physischen Bedrohung, die nur wenige Kilometer von der deutschen und der luxemburgischen Grenze entfernt steht.

Frankreich plant hier faktisch ein Experiment am offenen Herzen Europas. Die Reaktoren, deren erster Block 1986 ans Netz ging, basieren auf der Technik der 70er Jahre. Man kann einen Oldtimer zwar warten, aber man kann ihn nicht in ein modernes Fahrzeug verwandeln. Experten warnen seit Jahren, dass die Bausubstanz nicht gegen den gezielten Absturz moderner Verkehrsflugzeuge oder gegen heutige terroristische Bedrohungsszenarien ausgelegt ist. Diese Nachrüstung ist technisch kaum machbar. Eine Laufzeitverlängerung auf 60 Jahre bedeutet, das Glück statistisch immer weiter herauszufordern.

Besonders zynisch ist das Argument, Atomkraft schütze das Klima. Die Ereignisse der Hitzesommer haben gezeigt, dass der Klimawandel den sicheren Betrieb des Kraftwerks massiv gefährdet. Bei Niedrigwasser wird die Kühlung zum Problem. Schon jetzt heizt Cattenom die Mosel auf, entzieht dem Fluss Sauerstoff und zerstört das ökologische Gleichgewicht. Die Reaktoren sind Energieriesen auf tönernen Füßen, die bei Dürre gedrosselt werden müssen – genau dann, wenn Strom für Klimaanlagen gebraucht würde.

Was zudem wütend macht, ist das demokratische Defizit. Während Paris entscheidet, tragen Trier, das Saarland und Luxemburg das Risiko. Die Verteilung von Jodtabletten ist dabei ein reines Feigenblatt: Bei einem GAU in dieser dicht besiedelten Region wäre eine rechtzeitige Evakuierung illusorisch.

Wir dürfen uns nicht mit diplomatischen Protestnoten begnügen. Es braucht eine harte juristische Auseinandersetzung. Nach geltendem EU-Recht (Espoo-Konvention) ist bei derart gravierenden Laufzeitverlängerungen eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung zwingend erforderlich. Wer behauptet, diese Hochrisikotechnologie sei die Brücke in die Zukunft, der nimmt billigend in Kauf, dass diese Zukunft für unsere Region unbewohnbar wird.

Trier, 17.02.2026
Thomas Heinen

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Anhang (nicht Teil des Leserbriefs, lediglich als Fakten-Untermauerung):

  • Veraltete Technik: Die Reaktoren (Baubeginn ab 1979, am Netz seit 1986) basieren auf Designs der 1970er Jahre („P4-Baureihe“).
  • Mangelnder Schutz: Die Betonhüllen der Reaktorblöcke sind baulich nicht gegen den gezielten Absturz moderner, vollgetankter Großraumflugzeuge ausgelegt; entsprechende Nachrüstungen gelten als technisch kaum realisierbar.
  • Klimarisiko & Ökologie: In Hitzesommern (z.B. 2003, 2018, 2022) musste die Leistung wegen zu warmen Flusswassers und niedrigen Pegelständen bereits gedrosselt oder per Ausnahmegenehmigung der Umweltschutz (Wassertemperatur) ausgesetzt werden. Dies belastet die Flora und Fauna der Mosel massiv.
  • Rechtslage (Espoo-Konvention): Laut Europäischem Gerichtshof und der UN-Espoo-Konvention sind bei Laufzeitverlängerungen grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) zwingend erforderlich, da Nachbarstaaten direkt betroffen sind.
  • Katastrophenschutz: Jodtabletten schützen nur vor Schilddrüsenkrebs durch radioaktives Jod, bieten aber keinen Schutz vor direkter Strahlung oder anderen Isotopen (Cäsium, Strontium). Experten bezweifeln zudem die Durchführbarkeit einer schnellen Massenevakuierung im eng verflochtenen Grenzraum.