Interview zu 15 Jahre Fukushima: Erinnern in Trier, Atom-Lobbyismus in Paris

„Ein sicherheitstechnischer Blindflug direkt vor unserer Haustür“

Markus Pflüger
Markus Pflüger

Am 11. März 2026 jährt sich die Reaktorkatastrophe von Fukushima zum 15. Mal. Während in Frankreich zeitgleich ein Atomgipfel stattfindet, wächst in der Großregion der Widerstand gegen die geplante Laufzeitverlängerung des Pannen-AKWs Cattenom. Wir haben mit Markus Pflüger vom Antiatomnetz Trier über die aktuelle Kampagne des Bündnisses „STOPP CATTENOM!“ (initiiert von AAN, BUND RLP, MAUS e.V.), milliardenschwere Atom-Illusionen der EU, die Verantwortung der Regierung Merz und die unkalkulierbaren Risiken der Atomkraft gesprochen.

Redaktion: Markus, heute ist der 15. Jahrestag von Fukushima. Ihr steht heute mit einer Mahnwache auf der Straße, während sich in Frankreich Vertreter der Atomindustrie zu einem Gipfel treffen. Wie passt das zusammen?

Markus: Das ist ein geradezu fataler Kontrast. Während wir an die verheerenden Folgen eines atomaren Super-GAUs erinnern, feiert sich die Atomlobby in Paris selbst. Wir stehen heute hier, weil direkt vor unserer Haustür ein sicherheitstechnischer Blindflug geplant ist: Die Laufzeit des pannenanfälligen Alt-Reaktors in Cattenom soll über die 40-Jahre-Marke hinaus verlängert werden. Das ist ein unkalkulierbares Risiko für die gesamte Großregion. Jedes Atomkraftwerk kann Ausgangspunkt weitreichender Katastrophen werden – erst recht in der heutigen Zeit, in der Atomanlagen zunehmend auch zum Ziel von militärischen Aktionen oder Sabotageangriffen werden können. Genau deshalb machen wir dieses Risiko jetzt – wenige Tage vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz – auch zum entscheidenden Wahlkampfthema.

Redaktion: Ihr habt dazu gemeinsam mit dem BUND Rheinland-Pfalz und dem MAUS e.V. das Aktionsbündnis „STOPP CATTENOM!“ ins Leben gerufen. Wie ist die Resonanz auf euren Protest?

Markus: Der Rückhalt ist enorm. Wir stehen hier absolut nicht alleine. Mittlerweile haben sich 22 Unterstützergruppen und Organisationen aus Deutschland, Luxemburg und Frankreich zusammengeschlossen – darunter auch große Akteure wie Greenpeace Luxemburg und das Mouvement Ecologique, und der BUND Rheinland-Pfalz war wie gesagt sogar Mitinitiator des Ganzen. Unsere Online-Petition gegen die Laufzeitverlängerung haben bereits über 5.100 Menschen unterschrieben (Stand 11.03.2026). Man merkt ganz deutlich: Die Menschen im direkten Dreiländereck haben Angst, und das völlig zu Recht.

Redaktion: Die Betreiber argumentieren oft, das Kraftwerk werde gut gewartet. Warum ist die Verlängerung über 40 Jahre aus eurer Sicht so gefährlich?

Markus: Ein Atomkraftwerk ist schlichtweg nicht für die Ewigkeit gebaut. Die 40-Jahre-Marke ist eine absolute rote Linie beim ursprünglichen Design der Anlage. Mit jedem weiteren Jahr steigt die Wahrscheinlichkeit für kritische Materialermüdung, Haarrisse und massives Systemversagen exponentiell an. Dazu kommt das erschreckende Pannen-Register: Cattenom ist nachweislich eines der fehleranfälligsten Kraftwerke in ganz Europa. Diese Laufzeitverlängerung ist ein russisches Roulette mit der Sicherheit von Millionen Menschen. Wir haben hier ein extrem asymmetrisches Risiko: Der minimale Nutzen für den französischen Strommarkt steht in absolut keinem Verhältnis zur potenziellen Unbewohnbarkeit unserer Heimatregion.

Redaktion: Dennoch gibt es Stimmen – auch von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und auf dem aktuellen Atomgipfel –, die sagen: Atomkraft ist klimaneutral und wir brauchen sie dringend für die Energiewende. Ist euer Protest da nicht aus der Zeit gefallen?

Markus: Das ist ein gefährliches Scheinargument, das die Atomlobby immer wieder bemüht. Wer Atomkraft als „grün“ verkauft, übersieht den gesamten, extrem schmutzigen Lebenszyklus: Vom Uranabbau über die Urananreicherung und Brennelementefertigung bis hin zum Betrieb und der völlig ungelösten Endlagerfrage für die nächsten eine Million Jahre. Atomenergie produziert CO2, sie entlässt radioaktive Emissionen in Luft und Wasser. Die Behauptungen von Frau von der Leyen fußen auf falschen Annahmen. Atomenergie ist eine Hochrisikotechnologie, die künftige Generationen teuer zu stehen kommen wird und eine echte ökologische Energiewende massiv ausbremst.

Redaktion: Auf EU-Ebene wird aktuell über den neuen mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) für 2028 bis 2034 verhandelt. Dort will die Atomlobby künftig Milliarden an EU-Geldern für neue Atomprojekte sichern, insbesondere für sogenannte Small Modular Reactors (SMR). Wie bewertet ihr das?

Markus: Das ist ein klimapolitischer Irrweg von historischem Ausmaß. Der europäischen Nuklearallianz unter Führung Frankreichs ist es gelungen, Atomkraft politisch wieder salonfähig zu machen. Jetzt soll im kommenden MFR erstmals wieder Atomkraft direkt mit europäischen Mitteln gefördert werden. Vor allem für diese Mini-AKWs (SMR). Dabei wird völlig ignoriert, dass diese Reaktoren bisher fast nur auf dem Papier existieren. Trotz jahrzehntelanger Forschung scheitern SMR immer wieder an technischen und sicherheitstechnischen Hürden. Dennoch sollen sie jetzt als „Innovation“ gefördert werden. Das Fatale daran: Jeder Euro, der in diese Atomillusionen fließt, fehlt für den dringend benötigten Ausbau erneuerbarer Energien, Netzen und neuen Speichertechniken. Solche Luftschlösser binden genau die Ressourcen, die wir jetzt sofort für die Bewältigung der Klimakrise brauchen.

Redaktion: Was bedeutet das konkret für die deutsche Politik? Was fordert ihr von der neuen Bundesregierung in Berlin?

Markus: Unter Kanzlerin Merkel wurde der Atomausstieg beschlossen, und in den letzten Jahren hat die Ampelregierung die Energiewende deutlich vorangetrieben. Mit dem neuen EU-Finanzrahmen droht nun jedoch die Gefahr, dass deutsches Steuergeld indirekt wieder massiv in europäische Atomprojekte fließt. Das darf nicht passieren! Wir fordern von der Bundesregierung unter Bundeskanzler Merz ganz klare Kante: Keine EU-Subventionen für Atomkraft! Es darf keine Förderung von SMR oder anderen Atomprojekten geben, und vor allem keine Gleichsetzung von Atomkraft und Erneuerbaren. Wir fordern 100 % Erneuerbare jetzt: Volle Kraft für eine Energieversorgung aus Sonne, Wind und Wasser.

Und wenn wir es mit dem Atomausstieg in Deutschland ernst meinen, müssen konsequenterweise auch die noch immer laufenden Uranfabriken in Gronau und Lingen endlich gestoppt werden.

Redaktion: Ihr präsentiert heute auf eurer Mahnwache auch den „Wahlcheck RLP“ für die Landtagswahl am 22. März. Dafür habt ihr 55 Landtagskandidat_innen aus 7 Wahlkreisen konfrontiert. Was soll ein Politiker im Mainzer Landtag überhaupt gegen ein Kraftwerk auf französischem Boden ausrichten?

Markus: Sehr viel! Wir akzeptieren diese bequeme Ausrede der „Machtlosigkeit“ nicht länger. Eine Landesregierung hat diverse Hebel in der Hand. Sie kann massiven politischen und diplomatischen Druck auf Paris ausüben. Sie kann den Rechtsweg ausschöpfen, wie es Luxemburg mutig vorgemacht hat. Und sie kann das Thema konsequent auf EU-Ebene eskalieren. Wer sich am 22. März in unserer Region zur Wahl stellt, übernimmt die Verantwortung für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger hier. Wegschauen ist für uns keine Option mehr, und das fordern wir von unseren Volksvertretern ein.

Redaktion: Zurück zu eurer Petition: Über 5.000 Unterschriften sind ein starkes Signal, aber reicht das wirklich aus, um Paris zu beeindrucken?

Markus: Diese 5.100 Unterschriften, übrigens innerhalb von nur 3 Wochen, sind ja erst der Anfang unserer aktuellen Kampagne. Wenn man unsere 22 NGO-Partner aus drei Ländern dazuzählt, sprechen wir hier stellvertretend für hunderttausende Menschen in der gesamten Großregion. Der Druck wächst von Tag zu Tag, und das Wichtigste ist: Er wird konsequent grenzüberschreitend organisiert. Wir lassen uns nicht spalten und haben noch viel vor!

Redaktion: Markus, vielen Dank für das Gespräch!