Zeitbombe Cattenom: Warum wir den Weiterbetrieb stoppen müssen – Rückblick auf einen alarmierenden Infoabend

Trier, 6. März 2026 – Dass das Thema Cattenom die Menschen in der Region umtreibt, war am Donnerstagabend in der vhs Trier unübersehbar: Fast alle Plätze im Saal waren besetzt. Das Antiatomnetz hatte zusammen mit dem BUND Trier-Saarburg und dem MAUS e.V. (Messen für aktiven Umweltschutz – der Verein betreibt eigene Strahlenmessstationen rund um Cattenom) eingeladen, um über die geplante Laufzeitverlängerung des französischen Pannen-AKW zu informieren. Was die Zuhörer_innen in dem detaillierten Vortrag erfuhren, war weit mehr als nur ein historischer Rückblick – es war eine schonungslose Risikoanalyse. Diese stützte sich auf die jüngsten Zahlen der lokalen Informationskommission (CLI), die noch am selben Tag getagt hatte. Die Referentin Elisabeth Quaré hatte als Abgesandte des BUND an dieser Sitzung teilgenommen und konnte diese brandaktuellen Erkenntnisse direkt in ihren Vortrag einfließen lassen.

Es geht um unsere Sicherheit. Und die Faktenlage zeigt: Der Widerstand ist dringender denn je.

Vom Pannen-AKW zum Hochrisiko-Experiment

Die Geschichte von Cattenom ist eine Geschichte der Störfälle. Doch die aktuellen Pläne der Betreibergesellschaft EDF (Électricité de France) stellen eine neue Dimension der Gefährdung dar. Die Reaktoren sollen über die ursprünglich geplante Betriebsdauer von 40 Jahren hinaus am Netz bleiben. Wie extrem der exponentielle Verschleiß der alten Anlagen wirklich ist, räumt EDF in seiner aktuellen Infobroschüre (PDF) unfreiwillig selbst ein:

Während bei der Prüfung nach 30 Jahren „nur“ 152 Änderungen pro Reaktor nötig waren, müssen für die anstehende vierte wiederkehrende Prüfung (WKP4) an jedem Block unfassbare 254 sicherheitsrelevante Änderungen vorgenommen werden. Das Material ist ermüdet – ein besonders alarmierendes Beispiel dafür ist das massive Problem der Spannungsrisskorrosion. Dieser lebensgefährliche Verschleiß an den Rohren der Notkühlsysteme wurde ab 2021/2022 entdeckt, legte zeitweise weite Teile der französischen Reaktorflotte lahm und führte auch in Cattenom zu langwierigen Abschaltungen und Reparaturen. Aktuelle Berichte aus 2025 warnen davor, dass das Problem schneller wiederkommen könnte, als gedacht!

Hinzu kommt ein unlösbares physikalisches Problem: Durch den anhaltenden Neutronenbeschuss der vergangenen 40 Jahre – in denen das AKW größtenteils unter Volllast lief, um Frankreichs immensen Strombedarf zu decken – versprödet der Stahl des Reaktordruckbehälters zunehmend. Dieses Herzstück der Anlage lässt sich, im Gegensatz zu Rohren oder Ventilen, nicht austauschen. Die Anlagen waren für eine solch lange Laufzeit schlicht nie ausgelegt.

Besonders skandalös: Detailanalysen der Nachrüstungspläne zeigen nicht nur, dass diese unzureichend sind, um moderne Sicherheitsstandards zu erreichen. Viele dieser essenziellen Nachrüstungen sollen erst durchgeführt werden, nachdem die Erlaubnis zur Laufzeitverlängerung bereits erteilt wurde. Ein sicherheitstechnischer Blindflug.

„Atomnomad_innen“ und menschliches Versagen

Dass Technik fehleranfällig ist, ist bekannt. Dass aber auch die Fehlerkultur im AKW massive Defizite aufweist, belegen gravierende Störfälle aus jüngster Vergangenheit:

  • INES-Stufe 1 (August 2025): Aufgrund einer „fehlerhaften Darstellung der Kreisläufe“ öffnete ein Mitarbeitender im Leitstand versehentlich ein Ventil. Die Folge: Wasser floss aus dem Primärkreislauf ab – und das blieb über drei Stunden lang unbemerkt!
  • INES-Stufe 2: Ein Mitarbeitender wurde bei Arbeiten so stark durch einen radioaktiven Partikel kontaminiert, dass die jährliche Hautdosisgrenze überschritten wurde.

Hinzu kommt ein massives Strukturproblem bei der Wartung: Die hochsensiblen Arbeiten im AKW werden zunehmend nicht von festangestellten EDF-Expert_innen durchgeführt, sondern von sogenannten Atomnomad_innen. Das sind oft ungelernte Leiharbeiter_innen, die in Wohnwagen von AKW zu AKW ziehen und unter enormer Hitze und unter Zeitdruck im nuklearen Bereich arbeiten müssen. Ein unkalkulierbares Risiko.

Klimavulnerabilität: Dem AKW wird es zu heiß

Auch der Klimawandel setzt Cattenom zu. Das Kraftwerk hat offensichtliche, massive Kühlprobleme. Die Wassertemperatur im Mirgenbach-Stausee muss mit thermischen Sensoren streng überwacht werden. Die Verzweiflung der Betreibergesellschaft zeigt sich darin, dass an heißen Tagen nun sogar das Wasser des Stausees mit einem eigentlich stillgelegten Kühlturm heruntergekühlt werden soll.

Gleichzeitig steigt die Umweltbelastung: Durch den Einbau neuer Titanrohre ist eine stärkere Biozidbehandlung notwendig. Die Behörden sollen nun erhöhte chemische Einleitungen von Natrium und Chlorid sowie giftiger Stoffe in die Mosel genehmigen. Neben der Hitzebelastung ein weiterer Schock für das Ökosystem unseres Flusses!

Verharmlosung im Katastrophenschutz und geopolitische Sackgassen

Sollte es zum Äußersten kommen, sind wir schutzlos. Der überarbeitete Katastrophenschutzplan (PPI) der EDF rechnet weiterhin mit einem geradezu lächerlichen Evakuierungsradius von 0 bis 5 Kilometern. Selbst der erweiterte Radius endet bei 20 Kilometern. Eine radioaktive Wolke macht an dieser willkürlichen Grenze keinen Halt – Trier liegt in der Hauptwindrichtung. Und auch die Katastrophenschutzpläne auf deutscher Seite sind völlig unrealistisch, wie ein einziger Unfall auf der Autobahn im Oktober 2024 gezeigt hat: Der gesamte Verkehr in Trier kam stundenlang zum Erliegen. Man kann sich ausmalen, wie es im Ernstfall eines „GAUs“ auf den Straßen der Region aussehen würde.

In der anschließenden, sehr lebhaften Diskussion mit dem Publikum traten weitere wunde Punkte zutage, insbesondere die völlige wirtschaftliche Absurdität des französischen Atom-Kurses:

  • Finanzielles Desaster & Staatsverschuldung: Frankreichs Staatsfinanzen sind massiv angeschlagen, die Kreditwürdigkeit des Landes wurde von Ratingagenturen mehrfach herabgestuft. Weder die astronomischen Nachrüstungskosten für die alten Meiler noch Neubauten sind wirtschaftlich darstellbar. Das zeigt auch die absurde Baudauer und Kostenexplosion des EPR-Reaktors in Flamanville.
  • Der EU-Taxonomie-Skandal: Umso skandalöser ist es, dass die EU auf massiven Druck der Atomlobby Kernkraft als „grün“ eingestuft hat. Durch diese EU-Taxonomie sollen dringend benötigte Subventionen für die echte Energiewende in eine marode, unwirtschaftliche Industrie umgeleitet werden.
  • Falsche Prioritäten: Das Publikum war sich einig: Statt Milliarden in einer Hochrisikotechnologie zu versenken, muss der Ausbau der Erneuerbaren Energien, intelligenter Stromnetze und moderner Speichertechnologien absolute Vorfahrt haben.
  • Uran aus Russland: Die angebliche Energieunabhängigkeit ist ein Märchen. Die Brennelementefabrik im emsländischen Lingen kooperiert eng mit dem russischen Staatskonzern Rosatom und beliefert auch französische AKW, darunter Cattenom.
  • Militärische Verstrickung: Die zivile Atomkraftnutzung bleibt untrennbar mit militärischen Interessen (Erhalt der nuklearen Infrastruktur für Atomwaffen) verbunden.

Was wir bisher erreicht haben – und was jetzt passieren muss

Als Antiatomnetz schauen wir nicht tatenlos zu. Seit Mai 2024 machen wir massiv Druck: Wir haben Briefe an die Landesregierung und Politiker_innen geschrieben, direkte Gespräche gesucht, Mahnwachen abgehalten und eine breite Kampagne gestartet. Unsere Online-Petition hat nach nur zwei Wochen bereits weit über 3.000 Unterschriften gesammelt! Das zeigt: Der Widerstand in der Bevölkerung ist da.

Aber das reicht noch nicht. Wir müssen den Druck auf der Straße und in den Parlamenten weiter erhöhen.

So können Sie jetzt aktiv werden:

  1. Petition zeichnen & teilen: Falls noch nicht geschehen, unterschreiben Sie unsere Petition gegen die Laufzeitverlängerung und leiten Sie den Link an Freund_innen, Familie und Kolleg_innen weiter.
    👉 Hier geht es direkt zur Online-Petition
  2. Sprechen Sie mit der Politik: Kontaktieren Sie Ihre Bürgermeister_innen, Landrät_innen und Abgeordneten. Cattenom muss ganz oben auf der politischen Agenda bleiben!
  3. Kommunen vernetzen: Drängen Sie in Ihren Städten und Gemeinden darauf, dass sich diese offiziell gegen Cattenom zusammenschließen – das erfolgreiche Vorbild aus Luxemburg zeigt, dass kommunaler Widerstand wirkt.
  4. Energie sparen: Der effektivste Weg, die angebliche Notwendigkeit solcher Risikokraftwerke zu widerlegen, ist ein bewusster Umgang mit Energie.

Fazit des Abends: Wir dürfen die Augen vor der tickenden Zeitbombe in Cattenom nicht verschließen. Werden wir laut, bevor es zu spät ist!

Cattenom abschalten, bevor es uns abschaltet!

Bericht und Fotos: Thomas Heinen