„Der sicherste Katastrophenschutz bleibt die Abschaltung“ – BUND Rheinland-Pfalz im Interview zur Katastrophenschutzübung und den Risiken des AKW Cattenom

Antiatomnetz Trier:
Frau Rummel, wie schätzt der BUND Rheinland-Pfalz das potenzielle Ausmaß eines schweren Unfalls im Atomkraftwerk Cattenom für unsere Region ein?

Marianne Rummel (BUND):
Aus Sicht des BUND Rheinland-Pfalz wäre ein schwerer Unfall im AKW Cattenom keineswegs nur ein Problem einzelner grenznaher Gemeinden. Je nach Wetterlage, Windrichtung, Niederschlag und Verlauf des Unfalls könnten auch Trier, der Landkreis Trier-Saarburg, weitere Teile von Rheinland-Pfalz, das Saarland und Luxemburg erheblich betroffen sein. Radioaktive Belastungen halten sich nicht an Verwaltungs- oder Landesgrenzen.

Antiatomnetz Trier:
In der Politik und den Behörden wird oft der Eindruck vermittelt, man sei auf ein solches Szenario vorbereitet. Teilen Sie diese Zuversicht bezüglich des Krisenmanagements und einer möglichen Evakuierung?

Marianne Rummel (BUND):
Besonders kritisch sehen wir, dass in der öffentlichen Wahrnehmung oft so getan wird, als ließen sich die Folgen eines schweren atomaren Unfalls behördlich „managen“. Nach unserer Einschätzung ist das nur sehr begrenzt der Fall. Eine geordnete Evakuierung großer Bevölkerungsteile in der Region Trier halten wir im Ernstfall für kaum realistisch. Schon alltägliche Störungen im Verkehr können in und um Trier zu erheblichen Engpässen führen. Im Fall eines atomaren Notfalls kämen Panik, Zeitdruck, Schul- und Kitaabholungen, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Menschen ohne Auto sowie grenzüberschreitende Verkehrsströme hinzu.

Antiatomnetz Trier:
Ein zentraler Baustein des Notfallplans ist die Vorsorge mit Jodtabletten. Wie realistisch ist dieser Schutz aus Ihrer Sicht?

Marianne Rummel (BUND):
Die Verteilung beziehungsweise rechtzeitige Einnahme von Jodtabletten halten wir für problematisch. Sie hilft nur in einem engen Zeitfenster und nur gegen radioaktives Jod, nicht gegen andere radioaktive Stoffe. Wenn Menschen erst im Ereignisfall informiert, versorgt oder zur Abholung geschickt werden müssten, ist das aus unserer Sicht wenig realistisch.

Antiatomnetz Trier:
Wenn wir auf die technische Seite blicken: Welche Gefahren sehen Sie derzeit beim Betrieb des AKW Cattenom am drängendsten?

Marianne Rummel (BUND):
Wir sehen vor allem die Alterung der Anlagen als zentrales Problem. Cattenom ist ein alternder Reaktorstandort. Spannungsrisskorrosion, Materialermüdung, zusätzliche Belastungen durch häufigere Lastwechsel, Kühlwasserprobleme infolge von Hitze und Niedrigwasser sowie neue Bedrohungen durch Cyberangriffe oder Drohnen zeigen, dass Sicherheitskonzepte aus früheren Jahrzehnten mit heutigen Risiken nicht mehr ohne Weiteres Schritt halten. Gerade deshalb halten wir Laufzeitverlängerungen für unverantwortlich.

Antiatomnetz Trier:
Welche konkreten Schritte fordern Sie vor diesem Hintergrund von der neuen rheinland-pfälzischen Landesregierung?

Marianne Rummel (BUND):
Von der neuen Landesregierung erwarten wir deutlich mehr als ein Begleiten von Katastrophenschutzübungen. Rheinland-Pfalz muss sich gemeinsam mit dem Saarland und Luxemburg konsequent für die Stilllegung von Cattenom einsetzen. Konkret fordern wir eine unabhängige Evakuierungsstudie für die Region Trier unter realistischen Bedingungen, eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung zur geplanten Laufzeitverlängerung sowie die Prüfung und Ausschöpfung rechtlicher Schritte.

Antiatomnetz Trier:
Aktuell steht eine große Katastrophenschutzübung an. Wie bewerten Sie diese Maßnahme?

Marianne Rummel (BUND):
Die angekündigte Übung ist wichtig, weil sie Schwachstellen sichtbar machen kann. Sie darf aber nicht als Beruhigungssignal missverstanden werden. Aus unserer Sicht zeigt sie vor allem eines: Der Ernstfall muss geübt werden, weil er nicht ausgeschlossen werden kann. Der sicherste Katastrophenschutz bleibt die Abschaltung des AKW Cattenom.

Antiatomnetz Trier:
Frau Rummel, vielen Dank für das Gespräch und Ihren Einsatz.