Wie ungeeignet die Atomkraft für eine moderne, zukunftsfähige Stromversorgung ist, zeigte das Wetter der vergangenen Wochen gleich doppelt. Zum einen hatte ein Hitzedom mit Warmluft aus Afrika Mitteleuropa extrem früh erfasst, wodurch die Temperaturen in Paris bereits im Mai auf bis zu 33 Grad stiegen. Dies trieb die französischen Großhandels-Strompreise sprunghaft um 11,7 % in die Höhe – aus Angst vor hitzebedingten Drosselungen der Reaktoren.
Auch wenn es sich inzwischen wieder merklich abgekühlt hat und Gewitter über die Region ziehen: Diese Hitzewelle zeigte erneut, wie unvorbereitet das System auf Extremwetter reagiert, wenn sich die Flüsse zur Kühlung der Meiler zu stark erwärmen (wie im Krisensommer 2022, als zeitweise die Hälfte der französischen Atommeiler ausfiel).
Zum anderen enthüllt der sonnige Frühsommer einen unumstößlichen physikalischen und ökonomischen Systemkonflikt: Nicht die erneuerbaren Energien sind das Problem, sondern die uralte, völlig unflexible Atomkraft ist schlicht obsolet und ungeeignet für die saubere Stromerzeugung der Zukunft. Wind- und Solarenergie liefern konkurrenzlos günstigen Strom, der zudem mit dem fortschreitenden Ausbau von Speichern in den kommenden Jahren dauerhaft, verlässlich und zu minimalen Kosten verfügbar sein wird. Ganz nebenbei macht uns der Umstieg auf heimische Öko-Energien völlig unabhängig von fossilen und nuklearen Importen (wie Uran aus Russland) – er schützt uns vor den Preisschwankungen globaler Konflikte (wie im Iran) und befreit uns aus der Erpressbarkeit durch autokratische Diktatoren.
Doch weil dieser unschlagbar günstige Ökostrom aufgrund seiner minimalen Erzeugungskosten rein marktwirtschaftlich immer zuerst verkauft wird, stoßen die starren französischen Reaktoren an ihre technologischen Grenzen. Sie wurden als reine „Grundlast“-Maschinen gebaut, um jahraus, jahrein stur die gleiche Menge teuren Stroms zu produzieren. Da sie sich nicht dynamisch anpassen können, muss der Betreiber EDF seine Meiler nun unter enormem Aufwand immer häufiger herunterfahren oder vom Netz nehmen. Wie extrem dieser Regulierungsbedarf inzwischen ist, zeigen offizielle Zahlen von EDF: Die Reaktoren mussten im vergangenen Jahr um gigantische 33 Terawattstunden gedrosselt werden.
Ein aktueller Bericht von t-online verdeutlicht, dass diese erzwungene Flexibilität die Atomkraft massiv unter Druck setzt – ein Systemkonflikt, den einige Politiker*innen hierzulande durch ihre Forderungen nach einer Atom-Rückkehr völlig ignorieren. Ein sehr lesenswerter Bericht von n-tv zeigt auf, wie diese erzwungene Flexibilität an die Substanz der fast 40 Jahre alten Meiler geht, die für einen solchen flexiblen Betrieb physisch nie konstruiert wurden:
- Xenon-„Vergiftung“: Bei schnellen Leistungsänderungen reichert sich das Edelgas Xenon im Reaktor an und blockiert für bis zu 30 Stunden ein erneutes Hochfahren der Leistung.
- Zunehmende Materialermüdung: Das ständige Abkühlen und Erhitzen erzeugt thermischen Stress an Rohren und Schweißnähten, wodurch die Anlagen extrem schnell altern – und genau dies ist eine der physikalischen Hauptursachen für die Entstehung jener gefährlichen Haarrisse (Spannungsrisskorrosion) in den Notkühlsystemen, die wir bereits in einem ausführlichen Interview zu den Cattenom-Risiken beleuchtet haben.
- Wasserstoff-Versprödung: Beim Herunterfahren sammelt sich vermehrt Wasserstoff im Kühlwasser an, was die Rohrleitungen angreift und spröde macht. Dieser chemische Prozess erhöht das Risiko unvorhersehbarer Brüche dramatisch und wirkt als weiterer direkter Treiber für die gefährliche Rissbildung an den Systemen.
Dazu kommt das wirtschaftliche Desaster an den Strombörsen: Die Zahl der Stunden mit null oder negativen Strompreisen in Frankreich ist laut EDF von 560 (2024) auf 735 Stunden (2025) nach oben geschnellt. Sobald Wind- und Solaranlagen günstigen Strom einspeisen, bricht der Markt für teuren Atomstrom zusammen. Für EDF bedeutet das: Die immensen Fixkosten für Personal, Sicherheit und Wartung der AKWs laufen unvermindert weiter, während immer weniger Strom verkauft werden kann. Jede erzwungene Drosselung treibt die Kosten pro erzeugter Kilowattstunde dramatisch in die Höhe. Von den immensen nicht im Strompreis reflektierten Kosten für die spätere Endlagerung ganz zu schweigen.
Die französische Regierung plant zwar bis 2035 eine Vervielfachung der Solarleistung, will aber gleichzeitig am sündhaft teuren Neubau von Atomkraftwerken festhalten. Doch Physik und Ökonomie lassen sich nicht austricksen. Am Ende steht Paris vor einer unweigerlichen Entscheidung: Um die unrentablen, maroden alten und die neuen Atomkraftwerke künstlich am Leben zu erhalten, müsste man die saubere, konkurrenzlos günstige Zukunftstechnologie der Erneuerbaren aktiv ausbremsen. Ein solch absurder, wirtschaftlich selbstzerstörerischer Weg ist jedoch keine Option und ist eine Sackgasse – die Zukunft gehört unweigerlich den Erneuerbaren, während die unflexible Atomkraft sich technologisch und ökonomisch endgültig ins Abseits manövriert.
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