An das
Ministerium für Landwirtschaft, Weinbau, Umwelt und Forsten des Landes Rheinland-Pfalz
Persönlich z. H. Frau Ministerin Christine Schneider
Kaiser-Friedrich-Straße 1
55116 Mainz
Trier, den 01. Juli 2026
Akute ökologische Krise der Obermosel – Sofortige Schutzmaßnahmen und juristische Konsequenzen gegen den Weiterbetrieb des AKW Cattenom gefordert
Sehr geehrte Frau Ministerin Schneider,
die anhaltende, historische Juni-Hitzewelle mit Lufttemperaturen von über 41 °C hat an der Obermosel eine akute ökologische Krise ausgelöst. Als Antiatomnetz Trier, wenden wir uns heute in tiefer Sorge und mit aller Dringlichkeit an Sie. Das Ökosystem unseres gemeinsamen Grenzflusses steht vor dem unmittelbaren Kollaps – maßgeblich verschärft durch den fortgesetzten Betrieb des französischen Atomkraftwerks Cattenom.
Die behördeneigenen Messdaten des Landesamtes für Umwelt Rheinland-Pfalz (LfU) an der Station Palzem zeichnen ein verheerendes Bild:
- Bereits am Donnerstag, dem 25. Juni 2026, kollabierte das amtliche tägliche Sauerstoffminimum (O2) an der Messstelle Palzem auf einen absolut lebensbedrohlichen Tiefstwert von nur noch 2,6 mg/l. Der Tagesmittelwert sank kontinuierlich von 6,7 mg/l am 25. Juni bis auf nur 3,8 mg/l am 29. Juni 2026 ab. Ein derartiger Sauerstoffmangel führt bei den heimischen Fischbeständen unweigerlich zum qualvollen Erstickungstod.
- Die offiziell geprüften Tagesberichte des LfU belegen das rasante Hitzegeschehen des vergangenen Wochenendes an der Messstation Palzem und verdeutlichen den ökologischen Ernstfall für den Gewässerschutz: Die Wassertemperatur kletterte am 27. Juni 2026 auf einen historischen Mittelwert von 29,3 °C, die Rohwerte der Messstation Palzem wiesen sogar einen Spitzenwert von 30,2 °C für den gleichen Tag aus und der Wert lag auch am späten Abend noch bei extremen 29,8 °C.
- Quellen:
Damit war an der Mosel nicht nur die behördliche Warnstufe 3 (ab 28 °C), sondern bereits die höchste Warnstufe 4 (ab 29 °C) offiziell überschritten. Ab diesen kritischen Schwellenwerten sieht der rheinland-pfälzische Gewässerschutz eine drastische Reduzierung bis hin zum vollständigen Verbot industrieller Einleitungen vor, um ein massenhaftes Fischsterben abzuwenden.
Während die Flussbiologie erstickt, operiert das Atomkraftwerk Cattenom jedoch ungehindert weiter. Ermöglicht wird dies durch ein bürokratisches Schlupfloch: Weil das genutzte Kühlwasser nach dem Durchlaufen der Kühltürme und des Mirgenbach-Stausees mit rund 26 °C eingeleitet wird und damit formal weniger heiß ist als die ohnehin überhitzte Mosel, läuft die Anlage laut Aussage der EDF-Kommunikationsabteilung im Luxemburger Wort vom 26.06.2026 über eine Sonderregel der französischen Atomaufsicht (ASN) weiter, bis der Fluss die kritische Marke von 30 °C erreicht (vgl. ASN-Sonderregelungen zur Hitzewelle sowie die dort zitierten Vorgaben für Wasserentnahmen und -ableitungen in den ASN-Beschlüssen Nr. 2014-DC-0415 und Nr. 2014-DC-0416).
Diese Praxis ist ökologischer Irrsinn. Jede Sekunde verdampfen über den Kühltürmen von Cattenom rund 3.000 Liter Wasser. Dieser massive Massenverlust im sommerlichen Niedrigwasser beschleunigt die Aufheizung der verbleibenden Mosel drastisch und führt zu einer gefährlichen Konzentration von Schadstoffen.
Dass die französische Atomaufsicht (ASN) erst am 15. Juni 2026 zudem eine ausgedehnte chemische Biozidbehandlung mittels Monochloramin sowie erhöhte Chlorideinleitungen genehmigt hat, ist ein umweltpolitischer Skandal. Durch die Reaktion von Monochloramin mit den natürlichen organischen Stoffen im Flusswasser entstehen organische Halogenverbindungen, die als AOX (adsorbierbare organisch gebundene Halogene) gemessen werden. Viele dieser Verbindungen sind hochgradig langlebig, reichern sich in der Nahrungskette an und gelten als potenziell krebserregend. Die Tageshöchstwerte wurden zwar nicht erhöht, jedoch die Anzahl der Einleitungstage, wodurch sich diese Schadstoffe über einen deutlich längeren Zeitraum in den Organismen anreichern. Zudem ist das in der Mosel verbleibende, vergleichsweise langlebige Restchlor für Fische und andere Wasserorganismen flussabwärts selbst in geringsten Konzentrationen extrem giftig, besonders bei Niedrigwasser im Sommer.
Dass Ihr Ministerium diese massive Belastung im Trierischen Volksfreund vom 21. Juni 2026 verharmloste, ist aus Sicht des Gewässerschutzes inakzeptabel.
Die Behauptung Ihres Ministeriums, die zusätzliche Salzfracht sei vernachlässigbar, da der Haupteintrag historisch aus dem französischen Kalibergbau stamme, ist eine klassische Nebelkerze. Eine bestehende historische Belastung darf kein Freibrief für den Betreiber EDF sein, tonnenweise weitere Chloride und Natrium einzuleiten. Ein ohnehin extrem gestresstes Ökosystem verträgt im sommerlichen Niedrigwasser schlicht keine zusätzlichen Belastungen mehr – erst recht nicht in Kombination mit hochtoxischen Bioziden.
Ebenso irreführend ist der Verweis Ihres Hauses darauf, dass die Einleitungswerte für Chlorid, Kupfer und Zink seit 2014 reduziert worden seien. Diese Reduktion war – wie aus den Berichten der ASN hervorgeht – die rein technische Folge einer Umstellung der Antikalkbehandlung von Salzsäure auf Schwefelsäure. Diese verfahrenstechnische Verbesserung der Vergangenheit darf nun nicht als Alibi herhalten, um den ganzjährigen Einsatz der extremen chemischen Keule Monochloramin zu legitimieren.
Vollends in die Irre führt schließlich die Zusage, man überwache die Mosel an der Messstelle Palzem engmaschig, um frühzeitig gegenzusteuern. Dies verwechselt die bloße Dokumentation einer Umweltkatastrophe mit deren aktiver Verhinderung. Wenn hochgradig toxische Stoffe erst an der Messstation Palzem nachgewiesen werden, ist das Biozid längst im Fluss und der Schaden an der Tierwelt irreparabel eingetreten. Das ist reaktive Schadensverwaltung, aber kein präventiver Gewässerschutz.
Wir fordern Sie als zuständige Ministerin im Namen des Natur- und Bevölkerungsschutzes dringend auf, unverzüglich zu handeln und folgende Schritte einzuleiten:
- Konsequente Durchsetzung der Warnstufen
Wir verlangen Auskunft darüber, wann und welche konkreten Beschränkungen für industrielle Einleiter an der Mosel in Kraft gesetzt wurden. Das AKW Cattenom darf die Mosel in Phasen akuten Sauerstoffmangels nicht als chemischen und thermischen Abwasserkanal missbrauchen. - Unverzügliche Klage gegen die Biozid-Zulassung (Recours contentieux)
Da der französische Umweltminister den Genehmigungsbeschluss zur Ausweitung der chemischen Biozidbehandlung mittels Monochloramin inzwischen erteilt hat (Homologation), fordern wir das Land Rheinland-Pfalz auf, in enger Abstimmung mit dem Saarland und Luxemburg unverzüglich die Klagefristen gegen diesen Beschluss zu prüfen und rechtzeitig alle Hebel in Bewegung zu setzen, um noch innerhalb der bereits laufenden, vermutlich nur zweimonatigen Frist eine französische Verwaltungsklage einzureichen und diesen Eingriff in das Mosel-Ökosystem juristisch zu stoppen. - Einleitung einer grenzüberschreitenden UVP
Die rheinland-pfälzische Landesregierung muss im Rahmen der Espoo-Konvention aufgrund der geplanten Laufzeitverlängerung der Anlage offiziell auf einer umfassenden, grenzüberschreitenden Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für die alternden Reaktoren in Cattenom bestehen. Nur so können die Risiken der fast 40 Jahre alten Meiler europarechtlich transparent gemacht werden. - Unabhängige Klimaresilienz-Studien
Wir fordern die Beauftragung unabhängiger wissenschaftlicher Studien, welche die Auswirkungen der rasant zunehmenden Gefahren der Klimakatastrophe (Niedrigwasser, Hochwasser, extreme Gewässererwärmung) auf den Betrieb des AKW Cattenom erforschen. - Vorbereitung juristischer Klagewege
Sollte der diplomatische Dialog mit der französischen Regierung und EDF keine Kehrtwende bewirken, fordern wir das Land Rheinland-Pfalz auf, den juristischen Widerstand massiv zu verstärken, alle Klagewege gegen den Weiterbetrieb und die Laufzeitverlängerungen jetzt proaktiv vorzubereiten und konsequent auszuschöpfen. - Ehrliche Aufklärung im Katastrophenschutz
Wir fordern das Ministerium dazu auf, die Bevölkerung nicht mehr mit dem reinen „Feigenblatt“-Versprechen, Jodtabletten im GAU-Fall zu verteilen, in die Irre zu führen, sondern stattdessen transparent darüber aufzuklären, dass im Falle eines schweren Unfalls aufgrund des zu erwartenden Verkehrschaos und einer panikartigen Flucht kein wirksamer Schutz vor radioaktiver Verstrahlung besteht. Eine entsprechende verkehrswissenschaftliche Evakuierungsstudie halten wir für dringend geboten.
Sehr geehrte Frau Ministerin Schneider, die Mosel kocht, und das System Cattenom steht vor dem – nicht nur thermodynamischen – Kollaps. Ein bloßes „Weiter-so“ auf Kosten unserer Lebensgrundlagen darf es nicht geben. Angesichts der akuten Bedrohung des Gewässerökosystems durch die Hitzewelle und unserer Region durch die geplante Laufzeitverlängerung Cattenoms bitten wir Sie um eine schriftliche Stellungnahme zu den oben genannten sechs Kernforderungen bis zum 15. Juli 2026.
Mit freundlichen Grüßen
Elisabeth Quaré
MAUS e.V. Trier (Messen für aktiven Umweltschutz)
Markus Pflüger
Antiatomnetz Trier