Historische Juni-Hitze entlarvt die Risiken der Atomenergie / Umweltschützer_innen drängen auf sofortiges Handeln von Behörden und ein Ende der Laufzeitpläne
Trier, 01. Juli 2026 – Die anhaltende Hitzewelle mit Rekordtemperaturen von über 41 °C hat an der Obermosel eine akute ökologische Krise ausgelöst und die fundamentale Verwundbarkeit der Atomenergie offengelegt. Während frankreichweit bereits Reaktoren gedrosselt oder abgeschaltet werden mussten, kühlt sich das grenznahe Atomkraftwerk Cattenom nur noch dank einer umstrittenen bürokratischen Ausnahmeregelung mittels der Mosel. Obwohl diese im Raum Cattenom die extreme Temperatur von 29 °C überschritten hatte und flussabwärts an der Messstation Palzem die offizielle Warnstufe 3 ausgelöst wurde, läuft das Kraftwerk mit einer Sondergenehmigung weiter. Ermöglicht wird dies durch ein rechtliches Schlupfloch: Weil das Kühlwasser die Kühltürme passiert und mit etwa 26 °C eingeleitet wird, gilt es formal als etwas weniger heiß als der überhitzte Fluss – für die Flussbiologie ist dieser Weiterbetrieb jedoch der Todesstoß.
„Die Mosel droht unter unseren Augen zu ersticken“, warnt Markus Pflüger vom Antiatomnetz Trier vor den massiven ökologischen Folgen. Bei einem amtlich gemessenen Sauerstoffgehalt von zeitweise nur 2,6 Milligramm pro Liter kämpfen die Fischbestände flussabwärts bereits ums nackte Überleben. Dass die französische Atomaufsicht (ASN) erst am 15. Juni eine zeitliche Ausweitung der chemischen Amöbenbekämpfung durch das Biozid Monochloramin sowie erhöhte Chlorid-Einleitungen durchgewunken hat, ist laut Pflüger ein umweltpolitischer Skandal. Wenn im sommerlichen Niedrigwasser jede Sekunde bis zu 3.000 Liter Wasser über den Kühltürmen verdampfen, fehle dem Fluss genau die Masse, die er zur Verdünnung dieser Gifte dringend benötigt. Außerdem heize sich ein flacheres, langsamer fließendes Gewässer durch die Sonneneinstrahlung und die Lufttemperatur an den folgenden Tagen erheblich schneller und stärker auf, als es ein wasserreicherer Fluss tun würde. Dass die rheinland-pfälzische Landesregierung diese massive Belastung im Vorfeld als unbedenklich eingestuft und geschwiegen habe, grenze an Arbeitsverweigerung im Gewässerschutz.
Die Krise zeigt zudem, dass Atomkraftwerke im Zeitalter der globalen Erhitzung keine verlässlichen Stromlieferanten mehr sind. Cattenom läuft derzeit nur mit halber Kraft, weil sich zwei Blöcke in planmäßiger Wartung befinden. Unter Volllast müsste die Anlage früher oder später gedrosselt oder abgeschaltet werden.
„Das Wochenende entzauberte die Erzählung von der verlässlichen Grundlast“, erklärt Elisabeth Quaré vom MAUS e.V. Trier (Messen für aktiven Umweltschutz). „Atomkraftwerke verbrauchen gigantische Wassermengen und müssen ausgerechnet dann gedrosselt werden, wenn der Kühlbedarf in Krankenhäusern, der Lebensmittelproduktion und der Industrie massiv ansteigt. Das ständige Rauf- und Runterregeln der AKW-Leistung setzt den fast 40 Jahre alten Reaktoren in Cattenom physisch schwer zu. Der extreme thermische Stress beschleunigt die Materialermüdung und verschärft das Risiko der berüchtigten Haarrisse in den Notkühlsystemen, die Cattenom bereits in der Vergangenheit zu langen Stillständen zwangen. Dass EDF bis 2040 frankreichweit rund 8,7 Milliarden Euro ausgeben muss, um alternde Meiler mühsam gegen den Hitzetod zu wappnen, zeigt, dass diese Technologie in einer Sackgasse steckt.“
Das Antiatomnetz Trier und der MAUS e.V. drängen angesichts der dramatischen Lage auf ein sofortiges Umdenken der Politik auf beiden Seiten der Grenze.
„Es darf kein einziger Cent mehr an französischem und europäischem Steuergeld oder gezahlten Stromrechnungen in die künstliche Lebensverlängerung von Atomanlagen gesteckt werden, vor allem nicht in die der maroden Meiler von Cattenom“, betont Pflüger. Der Weiterbetrieb von Atomkraftwerken wie Cattenom blockiere den dringend notwendigen Wandel. Die saubere Zukunft liege in flexiblen Lösungen: Sobald der Netzausbau und moderne Großspeicher ausreichend realisiert seien, lasse sich der günstige Wind- und Solarstrom problemlos rund um die Uhr nutzen. Deutschland sei hier mit bereits 14 GW Batteriespeicher und 10 GW Pumpspeicher auf einem guten Weg. Für die wenigen verbleibenden Engpässe brauche es keine unflexiblen atomaren oder fossilen Großkraftwerke, sondern die Förderung von Hausdämmungen und Energiesparmaßnahmen und, wenn überhaupt, schnell startbare, idealerweise mit Biogas betriebene Backup-Anlagen.
Pflüger appelliert an die Bundes- und die rheinland-pfälzische Landesregierung, die Augen nicht vor der Realität an der Mosel zu verschließen und im Rahmen der grenzüberschreitenden Kooperation unmissverständlich auf den Verzicht jeglicher Laufzeitverlängerungen in Cattenom zu drängen. „Wir fordern von den Regierungen und Verantwortlichen angesichts dieser inakzeptablen Risiken ein sofortiges und konsequentes Handeln“, unterstreicht er. „Als Erstes braucht es eine umfassende, grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung gemäß der Espoo-Konvention, um die vollen Risiken dieser Altmeiler endlich europarechtlich transparent zu machen. Zudem dringen wir auf unabhängige Studien, welche die aktuell offensichtlichen, rasant zunehmenden Gefahren der Klimakatastrophe für den AKW-Betrieb wissenschaftlich erforschen und weitere Argumente für eine erzwungene Abschaltung liefern können.“
Sollte dieser diplomatische Weg nicht ausreichen, rufen die beiden Organisationen die rheinland-pfälzische Landesregierung dazu auf, den juristischen Widerstand massiv zu verstärken, alle Klagewege gegen den Weiterbetrieb des Kraftwerks Cattenom konsequent auszuschöpfen und dies bereits proaktiv vorzubereiten, da die Zeit knapp werde und Frankreich sonst Fakten schaffe. Auch bei der Sicherheit der Bevölkerung verlangen die Umweltschützer_innen eine Kehrtwende hin zu ehrlicher und transparenter Aufklärung: Jodtabletten seien ein reines Feigenblatt, da sie im Falle eines schweren Unfalls aufgrund des zu erwartenden Verkehrschaos und der panikartigen Flucht zu spät oder gar nicht ankämen. Im Ernstfall gebe es an der Mosel schlicht keinen wirksamen Schutz vor radioaktiver Verstrahlung.
Quellen:
https://undine.bafg.de/rhein/guetemessstellen/rhein_mst_palzem.html
https://geodaten-wasser.rlp-umwelt.de/gus/2619521210/ganglinie