Ostermarsch Büchel 2013 – Rede von Hayato Fujii

By | 02/04/2013

Ostermarsch Büchel 2013
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin heute aus Düsseldorf hierhergekommen, um Ihnen meinen Respekt und meine Solidarität für Ihre Anti-Atomkraft-Aktivitäten zu bekunden. Mein Name ist Hayato Fujii.

Ich habe mich in der Vergangenheit weder für Atombomben noch für Atomkraftwerke wirklich interessiert. Aber der 11. März 2011 hat mich wachgerüttelt.

Mir wurde klar, welch große Gefahr von der Atomkraft ausgeht und dass es sich dabei um eine Technik handelt, die der Mensch nicht kontrollieren kann, und daher auch nie hätte anwenden sollen.

Im Juli vergangenen Jahres habe ich deshalb mit einigen Mitstreitern in Düsseldorf eine Anti-AKW-Gruppe gegründet, die hauptsächlich aus Japanern besteht, und die sich in Form von Demonstrationen sowie Vorträgen gegen Atomkraftwerke ausspricht.

Wir fordern mit Ihnen eine weltweite Abschaffung von AKWs und Nuklearwaffen, und zwar SOFORT!

Als Japaner, als Teil des Volkes, das die Katastrophe von Fukushima verursacht hat, möchte ich heute mit Ihnen darüber sprechen, warum gerade das Volk, das als einziges auf dieser Erde mit Hiroshima und Nagasaki bereits zweimal Opfer einer Atombombe wurde, überhaupt solch gefährliche AKWs akzeptieren konnte. Das fragen sich sicherlich viele von Ihnen.

Einer der Gründe könnte sein, dass die Folgen des Atombombenabwurfs von der US-Regierung als Besatzungsmacht strengstens geheim gehalten wurden.

Anfang 1946 wurde allen Personen wie Ärzten, Krankenschwestern, Hebammen oder Patienten, unter Strafandrohung strengstens untersagt, jegliche Kenntnisse über die Folgen der Atombombe, die sie durch Sehen, Hörensagen oder gar am eigenen Leib erfahren hatten, zu erzählen, zu schreiben, zu malen oder zu fotografieren. Ärzte wurden angehalten, keine Patienteninformationen in die offiziellen Krankenakten zu notieren.

1947 bzw. 1948 wurden jeweils in Hiroshima und Nagasaki die Standorte der US-amerikanischen Kommissionen zur Untersuchung der Atombombenopfer (Atomic Bomb Casualty Commission – ABCC) eingerichtet. Diese Kommissionen riefen zwar die Opfer zusammen, behandelten sie aber nicht, sondern führten lediglich Untersuchungen und Tests an ihnen durch. Die Verstorbenen wurden komplett obduziert, ihre inneren Organe zur Strahlenforschung in die USA geschickt.

So wurde zum Beispiel ein Strahlenopfer mit Lebererkrankung, das bereits bei seinem Hausarzt in Behandlung war, beharrlich von der ABCC zur Untersuchung vorgeladen. Als der Patient endlich der Aufforderung folgte, wurde ihm allerdings nur eine größere Menge Blut entnommen, aber keine Behandlung zuteil. Als er daraufhin zögerte, zum nächsten angeordneten Termin zu erscheinen, wurde ihm ein Jeep zur Abholung geschickt. Von der hartnäckigen Verfolgung seitens der ABCC verängstigt, floh er aus Hiroshima und tauchte unter.

Die japanische Wissenschaft war gar nicht oder nur eingeschränkt befugt, selbst Untersuchungen vorzunehmen geschweige denn Forschung zu betreiben, so dass die klinischen Ärzte an der Basis keinerlei Informationen über Strahlenschäden erreichten.

Das erklärt, dass in Japan die Erfahrungen aus Hiroshima und Nagasaki nicht genutzt wurden – weil das Wissen über Atombomben bzw. Strahlenschädigungen nicht vorhanden war. Ärzte und Allgemeinheit wurden über Strahlenschäden, insbesondere über die Gefahr der inneren Verstrahlung, deren Symptome und Ursachen in Unkenntnis belassen.

Wenn die ABCC der notwendigen Versorgung der Opfer nachgekommen wäre, wäre der Standard der japanischen Strahlenopfermedizin heute ein anderer, und auch die globale Haltung gegenüber Nuklearenergie wäre sicherlich eine andere.

In den zwölf Jahren nach 1945 wurde nichts für die Strahlenopfer unternommen. Erst 1957 erließ die japanische Regierung ein Gesetz zum Schutz von Atombombenopfern, doch zahlreiche Opfer wurden trotzdem sich selbst überlassen.

Die Situation, die zurzeit in den Gebieten Ost-Japans herrscht, ist vergleichbar. Viele Menschen müssen weiter mit ihren Kindern in ihren Dörfern und Städten wohnen bleiben, obwohl dort eine ebenso hohe Strahlungskonzentration gemessen wird wie in den Sperrbezirken.

Die traurige Wahrheit in Japan scheint zu sein, dass die Wirtschaft immer einen viel höheren Stellenwert hat als Leben und Gesundheit des Volkes. Man muss wissen, dass die Atomkraft in Japan ein sehr bedeutender Wirtschaftsfaktor ist, sowohl für den Binnenmarkt als auch als Exportprodukt.

Ein weiteres Problem sind Vorurteile und Diskriminierung gegenüber den Strahlenopfern, bedingt durch Unwissenheit und Informationsmangel. Die sogenannten „Hibakusha“, Strahlenopfer der Atombomben und deren Angehörige mussten oft gegen Benachteiligungen in wichtigen Stationen ihres Lebens kämpfen wie Heirat, Schul- oder Hochschulabschluss und Berufsbeginn. Es gibt zahlreiche Menschen, die ihre eigene Erfahrung als „Hibakusha“ oder die der Angehörigen unter allen Umständen verheimlichen mussten. Auch dadurch konnte die Wahrheit über die fatalen Folgen der Atombombe nicht ans Licht kommen.

Ähnliche Diskriminierung findet man auch nach der Fukushima-Katastrophe. Beispielsweise verbieten Eltern ihren Kindern, mit Kindern zu verkehren, die aus den Katastrophengebieten von Fukushima kommen. Es kommt auch vor, dass auf einem Supermarktparkplatz neben einem PKW mit Fukushima-Kennzeichen beide benachbarten Parkplätze unbesetzt bleiben.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Im vergangenen Juli startete auch in Japan eine Einspeisevergütung für erneuerbare Energien zum Festpreis. Während der fünf Monate bis November gab es allein 190.000 Neubestellungen für Solaranlagen mit insgesamt 3.260.000kW, was etwa einer Steigerung um die Energieeffizienz von drei AKWs entspricht. Noch ist die Solarenergie weit mehr verbreitet als Windkraft, aber auch diese gibt Anlass zu Hoffnung. Ich bin davon überzeugt, dass erneuerbare Energien innerhalb weniger Jahre mindestens 20 Prozent der gesamten Energiegewinnung ausmachen könnten, wenn Japan beginnen würde, sich ernsthaft damit zu befassen.

Ich spreche heute aber auch deshalb zu Ihnen, weil es mir wichtig ist zu betonen, wie notwendig es ist, dass das Ausland seine Stimme erhebt. Nach dem 11. März 2011 hat Japan versucht, so wenig Information wie möglich über den AKW-GAU zu veröffentlichen. Viele, auch viele deutsche Journalisten gehen bis heute gesundheitliche Risiken ein, um vor Ort zu recherchieren, Verantwortliche der Regierung bzw. von TEPCO zu interviewen, um die Tatsachen ans Licht zu bringen.
So sind bisher zahlreiche ausländische TV-Dokumentationen entstanden. Diese werden innerhalb kürzester Zeit – mit japanischen Untertiteln versehen – über das Internet hochgeladen und stellen für interessierte Japaner eine wichtige Informationsquelle dar.

Wie Sie vielleicht wissen, plant die Ende vergangenen Jahres eingeführte japanische Regierung eine 180°- Abkehr vom Atomausstieg.

Sie will alle zurzeit angehaltenen AKWs nach und nach wieder in Betrieb nehmen, „wenn“, so heißt es, „die Sicherheit festgestellt wird“. Aber wie kann überhaupt die Sicherheit eines AKWs festgestellt werden?

Ferner will die Regierung neue AKWs bauen und ihre Nukleartechnik ins Ausland exportieren – eine höchst gefährliche Technik, die die japanische Regierung SELBST weder beherrscht noch unter Kontrolle hat.

Es ist sehr wichtig für Japan, dass wir hier im Ausland nicht schweigen, sondern weiterhin unsere Stimmen erheben.

Ich danke Ihnen daher sehr für Ihre Unterstützung – bitte wenden Sie auch weiterhin Ihren Blick nicht von Japan ab.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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